Ikterus
Überblick über den Bilirubinstoffwechsel
Häm wird zu Gallepigmenten abgebaut. Diese stammen aus dem
Hämoglobin alternder Erythrozyten, aus den roten Vorstufen im Knochenmark und
aus Hämproteinen der Leber oder anderer Gewebe. Offensichtlich wird Bilirubin
nicht direkt aus Hämvorstufen synthetisiert. Bilirubin ist ein pigmentiertes
organisches Anion und eng mit Porphyrinen und anderen Tetrapyrrolen verwandt.
Als unlösliches Abfallprodukt muß es in eine wasserlösliche Form umgewandelt
werden, um ausgeschieden werden zu können. Dies ist der Sinn des
Bilirubinstoffwechsels, der in fünf Schritten abläuft:
1. Bildung: Täglich werden 250-350 mg Bilirubin gebildet. 70-80% davon entstehen
beim Abbau überalterter roter Blutkörperchen. Die übrigen 20-30% (das sog.
"frühe Bilirubin") stammen von anderen Hämproteinen, vor allem aus Knochenmark
und Leber. Das Häm des Hämoglobins wird durch das Enzym Hämoxygenase in Eisen
und in das Zwischenprodukt Biliverdin gespalten. Ein anderes Enzym,
Biliverdinreduktase, verwandelt Biliverdin zu Bilirubin. Diese Reaktionen
spielen sich hauptsächlich in den Zellen des retikuloendothelialen Systems
(mononukleäre Phagozyten) ab. Ein vermehrter Abbau roter Blutkörperchen
(Hämolyse) stellt die wichtigste Ursache einer verstärkten Bilirubinbildung dar.
"Frühes Bilirubin" wird auch bei manchen hämatologischen Erkrankungen mit
ineffektiver Erythropoese in erhöhtem Maße gebildet. Klinisch ist dies meist
jedoch nicht von Bedeutung.
2. Plasmatransport: Aufgrund seiner inneren Wasserstoffbindung ist Bilirubin
nicht wasserlöslich. Nichtkonjugiertes (indirekt reagierendes Bilirubin) wird
daher im Plasma an Albumin gebunden transportiert und kann die glomeruläre
Membran nicht passieren; folglich erscheint es nicht im Urin. Diese Bindung wird
unter bestimmten Bedingungen, wie etwa bei Azidose, gelockert. Um die
Bindungsstellen konkurrieren einige Substanzen (z.B. bestimmte Antibiotika,
Salizylate).
3. Aufnahme in der Leber: Wie das Bilirubin von der Leber aufgenommen wird, ist
noch nicht in allen Einzelheiten geklärt, und die Bedeutung der intrazellulären
Bindungsproteine (z.B. Ligandin oder Y-Protein) ist unklar. Die Aufnahme von
Bilirubin erfolgt über einen aktiven Transportmechanismus und schnell, aber das
an Bilirubin gebundene Serumalbumin wird dabei nicht aufgenommen.
4. Konjugation: Freies Bilirubin, das sich in der Leber ansammelt, wird an
Glukuronsäure gebunden und bildet so Bilirubindiglukuronid oder konjugiertes,
direkt reagierendes Bilirubin. Diese durch das mikrosomale Enzym
Glukuronyltransferase katalysierte Reaktion wandelt das Bilirubin in eine
wasserlösliche Form um. Unter bestimmten Umständen bildet die
Glukuronyltransferase nur Bilirubinomonoglukuronid, und das zweite
Glukuronsäuremolekül wird durch ein anderes Enzymsystem in den Gallencanaliculi
hinzugefügt. Dieser Reaktionsweg wird jedoch nicht allgemein als physiologisch
akzeptiert. Außerdem Diglukuronid entstehen auch noch andere
Bilirubinverbindungen; ihre Bedeutung ist unklar.
5. Galleausscheidung: Konjugiertes Bilirubin wird zusammen mit anderen
Gallebestandteilen in die Canaliculi ausgeschieden. Dieser komplexe Vorgang kann
durch andere organische Anionen oder durch Medikamente beeinflußt werden. Im
Darm wird das Bilirubin durch die Bakterienflora dekonjugiert und zu den
verschiedenen sog. Sterkobilinogenen abgebaut. Diese werden größtenteils mit den
Fäzes ausgeschieden und sind für die braune Stuhlfarbe verantwortlich. Ein
beträchtlicher Anteil wird resorbiert und wieder in die Galle ausgeschieden, und
geringe Mengen gelangen als Urobilinogen in den Urin. Die Niere kann
Bilirubindiglukuronid ausscheiden, jedoch kein unkonjugiertes Bilirubin. Das
erklärt den typisch dunklen Urin bei hepatozellulärem oder cholestatischem
Ikterus und das Fehlen von Gallenfarbstoff im Urin bei hämolytischem Ikterus.
Störungen bei jedem dieser Schritte können zu einem Ikterus führen. Wird
Bilirubin vermehrt gebildet, zu wenig von der Leber aufgenommen oder
unzureichend konjugiert, kann das eine unkonjugierte Hyperbilirubinämie
verursachen. Eine behinderte Galleausscheidung führt zu einer konjugierten
Hyperbilirubinämie. In der Praxis rufen sowohl Lebererkrankungen als auch
Gallenwegsobstruktion verschiedenartige Störungen hervor, aus denen eine
gemischte Hyperbilirubinämie resultiert. Wenn ferner das konjugierte Bilirubin
im Plasma ansteigt, wird ein Teil kovalent an Serumalbumin gebunden. Diese
proteingebundene Fraktion (d-Bilirubin) ist nicht mit Routinemethoden
nachweisbar, ist aber oft Hauptbestandteil des zirkulierenden Bilirubins,
besonders während der Regenerationsphase nach einem Ikterus. Bei Patienten mit
einer offensichtlich hepatobiliären Erkrankung ist eine Unterteilung in direktes
und indirektes Bilirubin nur von geringem diagnostischem Wert. Sie erlaubt
insbesondere keine Abgrenzung des hepatozellulären vom cholestatischen Ikterus,
da die Hyperbilirubinämie ungeachtet der zugrundeliegenden Ursache gemischt ist.
Die Fraktionierung ist nur dann sinnvoll, wenn eine der unkonjugierten
(Bilirubin-)Störungen vermutet wird ; diese Störungen können mit einem
Ikterus ohne nachweisbare Leberbeteiligung einhergehen.